Vom RWE-Direktor zum Philosophen – Erinnerungen an die vier ehrenamtlichen Bürgermeister Pulheims

Über 50 Jahre ist es bereits her, dass Pulheim sich in seiner heutigen Form – 1975 zunächst als Großgemeinde, dann 1981 als Stadt – zusammengefunden hat. Geblieben war aus der Zeit der britischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte „kommunale Doppelspitze“, bei der ein Gemeinde- bzw. Stadtdirektor, der der Verwaltung vorstand, mit einem ehrenamtlichen, vom Rat gewählten Bürgermeister zusammenarbeitete. Zwischen 1975 und 1999, bis die Kommunalverfassung schließlich geändert wurde, wirkten nacheinander vier Männer als ehrenamtliche Bürgermeister in Pulheim.

Den Spuren dieser Männer folgte Historikerin und Gymnasiallehrerin Annette Gregor bei den „Neuen Pulheimer Verzällcher“ im Café F.: „Es ist gar nicht so einfach, Kontakt zu Familienmitgliedern und Zeitzeugen herzustellen, die die ehemaligen Bürgermeister noch gekannt haben“, räumt Annette Gregor zu Beginn ein. „Zum Glück ist es mir aber doch noch gelungen!“, freute sie sich. Ihr Dank gelte aber insbesondere den Mitarbeitern des Pulheimer Stadtarchivs, die ihr zahlreiche Materialien zur Verfügung gestellt hatten.

Pulheims erster ehrenamtlicher Bürgermeister von 1975-1979 war Franz-Josef Spalthoff (1923-2004). Als Diplom-Ingenieur und späterem RWE-Direktor mit beruflichem Mittelpunkt in Essen war dieses Amt für ihn eine besondere Herausforderung. Davon berichtete seine jüngste Tochter Dr. Susanne Grünewald, die für den Abend eine Video-Grußbotschaft in ihre alte Heimat geschickt hatte. Sie erinnerte sich, dass ihr Vater in sein Ehrenamt viel Engagement und Leidenschaft gesteckt habe. Ihm sei es immer ein Anliegen gewesen, etwas für die Menschen in der Region zu tun. „Wenn du etwas ändern willst, dann musst du dich selber engagieren!“, zitierte sie ihren Vater.

Von 1979-1988 war Wilhelm Mevis (1922-1990) ehrenamtlicher Bürgermeister von Pulheim. Der „echte Geyener Jong“ arbeitete als Sachbearbeiter in einer Versicherung. Sein Onkel, Johannes Wolff, war 1950-1954 Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag. Gleichzeitig hatte er jedoch ein Ratsmandat in Pulheim, das er an seinen Neffen abtreten wollte. Diesem soll er gesagt haben „Du setzt dich hin und hörst einmal zu.“ So also begann Mevis politische Tätigkeit, stellte Annette Gregor schmunzelnd fest. Aus den Unterlagen des Stadtarchivs zitierte sie Dr. Karl August Morisse: „Mevis kannte die ungeschriebenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten des Handelns der hier Wohnenden, ihre Gefühle und Ansichten.“ Im Jahr 1987 erhielt Wilhelm Mevis als erster den Ehrenring der Stadt Pulheim für sein jahrzehntelanges Engagement in der Kommunalpolitik.

Dritter ehrenamtlicher Bürgermeister Pulheims war von 1989-1994 der Gymnasiallehrer Hartmut Menssen (1941-1997). Während seine Vorgänger und auch sein Nachfolger der CDU angehörten, war er seit 1974 Vorsitzender des neuen SPD-Ortsvereins Pulheim/Sinnersdorf/Brauweiler/Stommeln. Nach 15 Jahren in der Opposition setzte sich Menssen bei der Wahl 1989 durch. Morisse habe später gewürdigt, so Annette Gregor, dass Menssen es in all den Jahren immer wieder gelungen sei, seine Mitstreiter zu motivieren. Als ehrenamtlicher Bürgermeister setzte er sich besonders für die Kultur und Bildung in Pulheim ein. Jobst Buba, ehemaliges Ratsmitglied der SPD, erinnerte sich am Verzällcher-Abend im Café F. eindrücklich, dass Menssen einerseits in der Politik durchaus streiten und sich vehement einsetzen konnte, andererseits ein herzlicher Familienmensch gewesen sei. „Menssen war ein ruhiger, ausgeglichener Typ! Aber früher war die Konfrontation zwischen den Fraktionen viel stärker als heute permanent da.“, beobachtete Buba rückblickend.

Der vierte und letzte ehrenamtliche Bürgermeister in Pulheim war Clemens Kopp (1948-2021). Nach Mevis‘ Rücktritt hatte er das Amt bereits ein Jahr lang innegehabt, unterlag in der Wahl dann aber Menssen. Im Jahr 1994 konnte er sich gegen diesen schließlich durchsetzen und blieb bis 1999 im Amt. Kopp war promovierter Philosoph und engagierte sich in zahlreichen Vereinen und Institutionen, wie z. B. dem Pulheimer Sportclub (PSC) oder dem Pfarrgemeinderat der Pfarrgemeinde St. Kosmas und Damian. Bürgermeister Frank Keppeler teilte seine persönlichen Erinnerungen mit den Anwesenden: „Clemens Kopp hat Politik nicht gemacht, um sich selber zu verwirklichen, sondern um den Menschen zu helfen.“ Aber er sei innerlich auch ein Rebell gewesen und habe Regeln hinterfragt, entsann Keppeler sich. In Anerkennung seines vielfältigen und langjährigen Engagements erhielt Clemens Kopp im Jahr 2021 den Ehrenring der Stadt Pulheim.

Begleitet wurden die Erzählungen über die vier ehrenamtlichen Bürgermeister von vielen offiziellen, aber auch privaten Fotos, die die Herren Spalthoff, Mevis, Menssen und Kopp wieder lebendig werden ließen. Zum Schluss konnte Annette Gregor noch eine Überraschung präsentieren: Sie öffnete einen schwarzen Koffer und zeigte den Anwesenden die Amtskette des Bürgermeisters, die anlässlich der Stadtwerdung 1981 gestiftet worden war und seitdem von den Bürgermeistern Pulheims zu offiziellen Anlässen getragen wird. Bürgermeister Frank Keppeler hatte sie für diesen besonderen Abend der Erinnerungen mitgebracht.

Der dritte Teil der Neuen Pulheimer Verzällcher „Dr. Karl August Morisse – Gemeinde-/Stadtdirektor und erster hauptamtlicher Bürgermeister Pulheims“ mit Elisabeth Schäfer findet statt am 3. Juli 2026 im Café F. (Venloer Str. 135). Anmeldung per E-Mail an kultur@cafef.de.

v.l.n.r.: Harry Teckenburg (ehem. Postbote in Pulheim), Silvia Erdmann Hager (F. e.V.), Bürgermeister Frank Keppeler, Annette Gregor, Yvonne Schildgen (F. e.V.), Jobst Buba

Gruppenfoto: Gregor/privat
Porträtaufnahmen der ehrenamtlichen Bürgermeister: Stadtarchiv Pulheim